BLAU

Über die Kollektion in aller Kürze:

  • Ein künstlerisches Luftbild-Projekt, das sich mit den opulenten Blautönen grönländischer Schmelzwasserseen beschäftigt

  • Das Spiel von Licht, Perspektive, Farbe und Geometrie entspringt einem kreativen Prozess, der reflexartige Bildgestaltung gegenüber langsamer, wohlüberlebter Komposition in den Vordergrund zwingt

  • Der Bilderreigen wird durch weitere intensive, aus der Luft aufgenommene Struktur-Studien der Oberfläche des Eisschilds abgerundet

Es gibt Motive, die finden sich abseits des kreativen Prozesses bereits auf materielle Ebene in einem so komplexen Spannungsfeld, dass man von ihrer Erschließung kaum zu träumen wagt.

Jahr für Jahr spielt sich auf dem Grönländischen Inlandeis das gleiche Naturschauspiel ab. Sobald der der Sommer naht, bilden sich am Rand einer riesigen, etwa der fünffachen Fläche Deutschlands entsprechenden Eiswüste, große Schmelzwasserseen, die von einem Netz aus Bächen, Flüssen und Strömen in Richtung Meer entwässert werden. Diese Seen verschwinden wieder, sobald es kälter wird - sei es durch den kontinuierlichen Abfluss oder durch die Öffnung von Siphons tief in den Spalten und Klüften des Eises - was nicht selten zu einem geradezu schlagartigen Austrocknen führt.
Das Wasser filtert alle Spektralfarben aus dem Tageslicht bis schließlich nur noch Blautöne übrig bleiben, die am eisigen Grund der Seen gestreut und reflektiert werden. Somit bewirkt die Physik, dass diese Seen in einem geradezu überirdisch intensiven Blau erstrahlen, obwohl es sich um vorkommen klares Schmelzwasser handelt.

Als ich vor 6 Jahren bei einem Flug über den gigantischen Kangia-Eisfjord bei Ilulissat (Grönland) erstmalig einen kurzen Blick auf das Blau der sich in den Furchen des produktivsten Gletschers der nördlichen Hemisphäre bildenden sommerlichen Schmelzwasser-Seen erhaschen konnte, hat mich dieses Naturwunder rettungslos in seinen Bann gezogen. 
Kurz darauf sah ich bei einem Transit-Flug, dass sich ca. 50 km Landeinwärts an den Rändern des Grönländischen Eisschilds noch viel größere, in intensivsten Blau erstrahlende Seen gebildet hatten. Doch aus der Perspektive des hoch fliegenden Verkehrsflugzeugs war nicht mal eine Handvoll abstrakter Interpretationen des Themas zu möglich.

Ich habe in den darauf folgenden Jahren in Grönland einige Flüge in Kleinflugzeugen unternommen, aber diesen Seen kam ich nie auch nur nahe. Zu weit, zu abseitig. Ein paar glückliche Zufallsbegegnungen mit blauen Gewässern an den Gletschern, aber nie genug für ernsthaftes Arbeiten. Erst ein besonders weit ausgreifender Flug im Jahr 2016 brachte mich in die Nähe der Seen - da es sich allerdings nicht um einen privaten Flug handelte, blieben meine Möglichkeiten auch hier limitiert. Aber ich hatte noch mehr Blut geleckt, die Ideen wuchsen in den Himmel und gleichermaßen standen mir die Grenzen und Fußangeln des Sujets klarer denn je vor Augen. Hatte ich bisher immer nur auf das bloße (jahreszeitlich bedingte) Vorhandensein der Seen, das Wetter und das Licht geachtet, lernte ich nun einen weiteren Faktor kennen, der für das Gelingen von essentieller Bedeutung war: der Pilot. Wenn nämlich die Kommunikation zwischen Fotograf und Pilot nicht klappt und der Pilot es in der Folge nicht schafft, den für den Fotografen optimalen Anflugwinkel zu antizipieren, kann auch ein Flug unter ansonsten perfekten Bedingungen ohne nennenswerte Ergebnisse bleiben - denn was hilft es, wenn das Motiv im Moment des Vorbeiflugs in einem kaum erreichbaren Winkel unter dem Flugzeug ist?

Unter der Prämisse, dass für mich als eigenfinanziertem Fotokünstler nur eine Aktion unter perfekten Bedingungen den Aufwand - will heißen, das Kostenrisiko eines 100% individuell arrangierten Fluges - rechtfertigen würde, hieß es nun, auf die nächste Gelegenheit zu warten. Diese ergab sich während meiner Grönlandreise im Sommer 2018.
Das Wetter war vielversprechend, das Licht geprägt von wunderbarer Nachmittagssonne. Und schon während des Flugs von Ilulissat nach Kangerlussuaq sah ich weit am Horizont auf dem Eis ein paar blaue Punkte - “sie” waren also da.

In Kangerlussuaq angekommen stellte sich heraus, dass dort eine junge Pilotin den Dienst mit dem Kleinflugzeug inne hatte. Schon nach einem kurzen Gespräch verfestigte sich in mir ein überaus positiver Eindruck - die Chemie stimmte, und ich hatte das Gefühl, dass sie nachvollziehen konnte, was mir fotografisch vorschwebte. Eine kurze Inspektion des Flugzeugs, und der Deal stand. Ich lud meinen Grönländischen Freund Adam ein, mich auf dem Flug zu begleiten (er warf noch ein paar hundert Dänische Kronen in den Topf, um uns ein paar zusätzliche Minuten in der Luft zu kaufen) - und eine halbe Stunde später standen wir startbereit auf dem Rollfeld.

One shot, one opportunity

Mein Herz schlug wild. Perfektes Licht, perfektes Wetter! Jetzt galt es, keinen Fehler machen und die Erfahrung von 8 Flügen in Kleinflugzeugen in die Waagschale werfen: Vibrationsvermeidung, optimale Belichtungszeiten, Wechsel der Lichtsituationen: alles musste perfekt sitzen. 90 Minuten Flug waren geplant, mit An- und Rückflug würde mir kaum eine ganz Stunde über dem Eis bleiben. 
In der Folge fotografierte mich in einen rauschähnlichen Zustand. Groß war dabei nicht die Menge der Bilder, denn mit der Schrotschuß-Methde wollte ich keine Sekunde verschwenden. Dafür gelang es mir, meine Konzentration umso stärker zu fokussieren.

Ich bemerkte nur aus dem Augenwinkel, dass über dem Inlandeis die Motoren ausfielen. Dass mein Freund Adam nur noch stocksteif hinter mir saß, während die Pilotin mit schnellen, konzentrierten Handgriffen versuchte, die Motoren wieder zum Laufen zu bringen: für mich in dem Moment nur eine Randnotiz. Ich habe einfach weiter fotografiert. Als die Motoren wieder liefen und die Piloten erklärte, dass aufgrund der ständigen Rechtskurven (zum Zwecke der Fotografie, denn ich saß rechts neben der Pilotin) das Kerosin auf einer Seite zusammengelaufen war, so dass die Motoren keinen Sprit mehr ansaugen konnten, klang das plausibel. Dass wir nach jeder dritten Rechtskurve nun eine Linkskurve fliegen sollten um den Sprit im Tank zu verteilen: auch gut, solange sie weiterhin so präzise gemäß meinen Wünschen um die Seen zirkelte.

Nur selten habe ich es bisher geschafft, mein rationales Denken in diesem Ausmaß in den Hintergrund zu stellen und mein Handeln völlig auf meine Intuition zu verlagern. Sehen, vorausahnen, das Bild gestalten und auszulösen - das alles war auf diesem Flug kein bewusst gesteuerter Prozess mehr. Die Arbeit mit den Flächen und Formen, durch das ständig in Bewegung befindliche Flugzeug ein Moment flüchtiger als der andere: für jedes Bild gab es genau eine Gelegenheit von der Dauer eines Lidschlags, denn auch ein erneuter Anflug aus der gleichen Richtung ließ die Reproduktion einer verpassen Situation einfach nicht mehr zu.

Die Entwässerung der Schmelzwasserseen erfolgt unter anderem über ein Netz aus saisonal aktiven Flussläufen.